Bruno Bauer und Bibliothek 2.0 - Teil 3
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By Mark Buzinkay in Trends Published: Thursday, 19 April 07 - 12:16 PM (GMT +01:00) Last Updated: Monday, 23 April 07 - 10:38 AM (GMT +01:00) |
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Ich habe Bruno Bauer, Leiter der Bibliothek der Medizinischen Universität Wien zum Einsatz von Web 2.0 im Rahmen "seiner" Bibliothek befragt. Die UB der MedUni Wien ist in Österreich ein Vorreiter in der Umsetzung einer Bibliothek 2.0 Konzeption.
Mark Buzinkay: Auf welche Neuerungen dürfen sich die Nutzer der UB der MedUniWien freuen? Ein interessantes Projekt der Daten-Abfrage via PDA ist ja gerade in Betrieb gegangen.
Bruno Bauer: Der Einsatz von PDAs an Krankenhäusern ist im angelsächsischen Raum schon seit Jahren Standard. So bestand auch an der UB der MedUniWien schon seit längerem die Idee, dieses Thema offensiv anzugehen. PDAs ermöglichen es der Ärztin oder dem Arzt, wichtige Nachschlagwerke und hilfreiche Software komfortabel und ohne direkte Verbindung zum Arbeitsplatz-PC rasch im klinischen Alltag einzusetzen.
Konkrete Formen nahm unser PDA-Projekt „Mobile Medicine“ dadurch an, dass ein sehr engagierter Mitarbeiter es zum Thema seiner Master Thesis im Rahmen des Universitätslehrgangs MSc Library and Information Studies an der Universität Wien gemacht hat.
Zunächst war uns selbst nicht ganz klar, ob sich für PDAs , die bisher nicht zum Kerngeschäft des etablierten Bibliothekswesens gehört haben (in internen Besprechungen fiel gelegentlich der Ausdruck „Spielzeug“), der Einsatz von Ressourcen der Bibliothek lohnt. Den Ausschlag für das PDA-Projekt gab dann die Überlegung, dass es für die Zukunft der Bibliothek wichtig ist, gerade innovative Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende, wie sie gerade die Gruppe, die PDAs nutzt, repräsentiert, anzusprechen und an die Bibliothek zu binden.
Wie sieht nun das PDA-Projekt konkret aus? Auf der Website wurde ein eigenes Portal mit freien und lizenzierten Ressourcen eingerichtet, das mit 1. März 2007 frei geschaltet worden ist. Geplant ist auch der Ankauf einiger PocketPCs, auf denen wichtige medizinische PDA-Ressourcen vorinstalliert werden, und der Verleih dieser Geräte an Interessentinnen und Interessenten, die damit die Funktionalität von PDAs kennen lernen können. Begleitend zu diesen Maßnahmen wurde eine PDA-Mailingliste eingerichtet, die sich großen Zuspruchs erfreut und bereits mehr als 100 Subskribenten zählt.
Noch befinden wir uns in diesem innovativen Projekt in der Anfangsphase, und es ist für uns selbst noch nicht evident, ob wir a la longue PDA-Ressourcen kostenlos an unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie an Studierende abgeben können und wollen. Denkbar ist auch, dass die UB für PDA-Ressourcen als „Tankstelle“ fungiert, indem die Bibliothek PDA-Ressourcen kostengünstig von Anbietern erwirbt und diese gegen einen Kostenbeitrag an interessierte Kundinnen und Kunden vermittelt.
Neben dem topaktuellen PDA-Projekt war eine wichtige Innovation der vergangenen Monate die Installation von WLAN in der Bibliothek. Wir beschäftigen uns derzeit mit einer ganzen Reihe weiterer Projekte, die – wie praktisch alle Projekte im IT-Bereich – relativ rasch umgesetzt werden sollen. Geplant ist der Aufbau eines institutionellen Repositoriums, ergänzend dazu betreiben wir bereits seit längerem ein Catalogue Enrichment-Projekt im Bereich der medizinischen Dissertationen und Diplomarbeiten. Verstärkt bemühen wir uns auch um Lizenzen für e-Bücher. Als jüngstes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Kauf von über 300 e-Bücher des Springer-Verlages zu nennen, wo wir erstmals auch eine automatische Übernahme der vom Verlag zur Verfügung gestellten Metadaten in den Bibliothekskatalog anstreben.
Angedacht ist auch, RFID-Technologie einzusetzen – ein Projekt, das wahrscheinlich leider nur mittelfristig zu realisieren sein wird, weil zuvor budgetäre Fragen zu klären sein werden.
Obwohl nur für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UB der MedUniWien nutzbar, erwarte ich mir von dem ebenfalls für 2007 geplanten Aufbau eines WIKI als internes Informationstool wichtige Verbesserungen im Informations- und Kommunikationsfluss unserer Bibliothek, die letztlich natürlich auch unseren Kundinnen und Kunden zugute kommen werden.
Mark Buzinkay: Wie sehen Sie die Technik- und Innovationsfreudigkeit an den wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum? Gibt es Anlass zur Sorge, oder sind wir international Spitzenreiter?
Bruno Bauer: Auch wenn es vereinzelt an Bibliotheken im deutschsprachigen Raum herausragende Innovationen gibt, so ist doch zu konstatieren, dass sich die wichtigen Entwicklungen zunächst woanders abspielen, vor allem im angelsächsischen Raum, oder auch in den skandinavischen Ländern. Zu uns kommen viele Trends erst mit Verzögerungen und oft in abgeschwächter Form, wenn ich etwa an die ganze Open Access Publishing-Entwickung denke, mit der ich mich als einer von wenigen Bibliothekaren in Österreich seit Jahren intensiv auseinandersetze. Grundsätzlich geht es in Ordnung, wenn man nicht Lehrgeld für die Entwicklung neuer Bibliotheksangebote zahlen und lieber von vorn herein auf Bewährtes setzen will. Allerdings vergibt man mit der grundsätzlichen Verweigerung, Neuland zu betreten und sich neuen Herausforderungen zu stellen, auch die Chance, sich glaubwürdig als zukunftsorientierte und innovationsfreudige Einrichtung zu präsentieren.
Aufgrund ihrer historischen Wurzeln verfolgen viele Bibliotheken das Konzept der Hybridbibliothek – es gibt einerseits oft einen sehr großen Bestand an konventionellen Medien (in print) und andererseits immer mehr Informationsangebote in digitaler Form. Die Strukturen an den Bibliotheken, insbesondere auch in Österreich, sind so angelegt, dass vielfach der Schwerpunkt der Anstrengungen hinsichtlich des Einsatzes der Ressourcen – Geld und Personal – im Bereich der traditionellen Bibliothek liegt, was sich auch in den aktuell angewendeten Leistungsmessungskriterien für Bibliotheken – Stichwort BIX (Bibliotheksindex) – spiegelt, während die Entwicklung der elektronischen Bibliothek nicht selten nur in Form von Projekten von statten geht und – noch immer – häufig in den Händen einiger weniger „Technik-Freaks“ bzw. „IT-Bastlern“ an den Bibliotheken liegt.
Bibliotheken denken traditionell sehr stark in Verbünden – vom Leihverkehrsverbund bis zum Bibliothekenverbundkatalog. Ich habe den Eindruck, dass nicht wenige Kolleginnen und Kollegen sich auch für die Bibliothek 2.0 einen Verbund erwarten, der fertige Bausteine liefert. In der Tat gibt es Projekte, bei denen durch Arbeitsteilung und Schwerpunktsetzung enorme Synergien gewonnen werden können. Allerdings fordert das Konzept der Bibliothek 2.0 von jeder einzelnen Bibliothek viel stärker, auf die jeweils unterschiedlichen Kundinnen und Kunden zu zugehen und auch eine entsprechende unverwechselbare Identität zu entwickeln.
Die UB der MedUniWien hat hierbei den Vorteil, dass sie als mittlere Fachbibliothek mit 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, eher als eine große Universalbibliothek, den engen Kontakt zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie zu den Studierenden halten und ein Arbeitsklima etablieren kann, das die bedarfsgerechte Entwicklung und rasche Umsetzung von Innovationen fördert. Benötigt werden hiefür, und in Zukunft in einem noch viel stärkeren Ausmaß, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die viele Facetten des BID-Bereiches abdecken und sich ergänzen und die Freude daran haben, sich laufend neuen Trends zu stellen und Innovationen zu entwickeln.
Noch den Großteil des vorigen Jahrhunderts konnte sich ein Bibliothekar bei seinem Berufseintritt darauf einstellen, die etwa 40 Jahre seines Berufslebens kontinuierlich mit dem Regelwerk der PI (Preußische Instruktionen) zu arbeiten. Heute weiß niemand, nach welchen Regeln wir in vier Jahren arbeiten werden, wir können allerdings davon ausgehen, dass es vollständig andere Regeln sein werden. In der Bibliothek 2.0 werden die klassischen Arbeitsrollen – vom Titelaufnehmer bis zur Fachreferentin – zugunsten von befristeten projektbezogenen Tätigkeiten an Bedeutung verlieren.
In diesem Zusammenhang empfinde ich es als sehr bereichernd, dass es mittlerweile auch in Österreich mehrere Ausbildungswege für den Bibliotheksberuf gibt - wir haben etwa erst im Vorjahr einen Absolventen des Professional MSc Bibliotheks- und Informationsmanagement von der Donau-Universität Krems aufgenommen. Als Leiter der UB der MedUniWien sehe ich es als wichtige Aufgabe, unser Team um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ergänzen, die unterschiedliche Fähigkeiten abdecken und entsprechendes Innovationspotential mitbringen. So wird das PDA-Projekt von einem Biologen mit technischem Background entwickelt, Weblog und das WIKI-Projekt liegen in den Händen einer Mitarbeiterin, die sowohl ein Diplomstudium an der Juridischen Fakultät der Universität Wien als auch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien abgeschlossen hat.
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