Bruno Bauer und Bibliothek 2.0 - Teil 4
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By Mark Buzinkay in Trends Published: Friday, 20 April 07 - 08:18 AM (GMT +01:00) Last Updated: Monday, 23 April 07 - 10:41 AM (GMT +01:00) |
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Ich habe Bruno Bauer, Leiter der Bibliothek der Medizinischen Universität Wien zum Einsatz von Web 2.0 im Rahmen "seiner" Bibliothek befragt. Die UB der MedUni Wien ist in Österreich ein Vorreiter in der Umsetzung einer Bibliothek 2.0 Konzeption.
Mark Buzinkay: Wie stark werden KundenInnen der UB der MedUniWien eingebunden - bei der Akquisition, Erschließung und Entlehnung von Content? Welche Rolle spielen die NutzerInnen der Bibliothek überhaupt - in einer Bandbreite von "reiner Konsument" bis "Betreiber" (als zwei Extreme)?
Bruno Bauer: Selbstverständlich bieten wir für jene, die Literatur an der UB der MedUniWien suchen, die (noch) nicht vorhanden ist, das an vielen Bibliotheken eingesetzte Instrument des Wunschbuchs in Form eines Webformulars an. Obwohl wir, wenn die fachlichen Kriterien passen, alle vorgeschlagenen Bücher umgehend erwerben, wird das Wunschbuch nur von einigen wenigen, dafür regelmäßig, genutzt. So bekommen wir etwa laufend Vorschläge für die Anschaffung von Literatur für die Pflegeausbildung, für die Hebammenausbildung oder die Homöopathie.
Als sehr positive Maßnahme der Akquisition hat sich das seit 2000 eingerichteten Standing Order-Verfahren bewährt, wodurch jede neue deutschsprachige medizinische Publikation ausgewählter Verlage unmittelbar nach dem Erscheinen an die Bibliothek geliefert wird. Durch dieses Bezugsmodell wird sichergestellt, dass die erfahrungsgemäß sehr stark nachgefragten deutschsprachigen medizinischen Fachbücher der großen Verlage, Thieme, Springer, Elsevier Urban & Fischer sowie Facultas vollständig an der UB vorhanden sind; zugleich konnte der Beschaffungsvorgang deutlich verkürzt werden.
Daneben werten wir auch regelmäßig die von der MedUniWien für die einzelnen Lehrveranstaltungsblöcke herausgegeben Study Guides aus, die u.a. auch Literaturlisten beinhalten. Für die Prüfungen essentielle Literatur kaufen wir für unsere Lehrbuchsammlung in bis zu 200 Exemplaren an, ergänzende Literaturempfehlungen stellen wir in der Regel in fünf Exemplaren bereit.
Für den Bestandsaufbau, insbesondere im Bereich der Zeitschriften, werden die Fernleihebestellungen regelmäßig ausgewertet.
Feststellen mussten wir, dass Medizinerinnen und Mediziner aufgrund ihrer Dreifachbelastung – Lehre, Forschung, Klinik und Praxis – kaum Zeit für ein regelmäßiges Feedback an die Bibliothek aufbringen, weshalb wir uns sehr darum bemühen, die Literaturwünsche „intuitiv“ zu erfassen. Ein gutes Instrument für den Aufbau und die Steuerung der digitalen Bibliothek bieten die Statistiken für die Nutzung der elektronischen Ressourcen. Deshalb bemühen wir uns für neue elektronische Ressourcen laufend bei den Anbietern um Teststellungen, von deren erfolgreichen Verlauf dann eine mögliche Kauf- bzw. Lizenzentscheidung wesentlich beeinflusst wird. Um den großen Aufwand bei der Bearbeitung der von den Anbietern zur Verfügung gestellten heterogenen Nutzungsstatistiken zu minimieren, beabsichtigen wir die Anschaffung eines Statistik-Tools. Getestet wird derzeit ScholaryStats, die Software eines kommerziellen Anbieters, um die von den Verlagen angebotenen COUNTER-kompatiblen Nutzungsstatistiken für sämtliche elektronische Ressourcen – von Datenbanken über e-Zeitschriften bis zu e-Büchern – unter einer Oberfläche darstellen zu können. Damit steht dann hoffentlich ein Instrument zur Verfügung, mit dem die Nutzung noch stärker als Kriterium für die Lizenz- und Ankaufpolitik der Bibliothek berücksichtigt werden kann.
Im Zusammenhang mit der Evaluierung des Nutzungsverhaltens ist ein leider schon länger bestehendes Desiderat zu nennen, nämlich die Auswertung der erfolglosen Anfragen im Bibliothekskatalog. Aufgrund einer Analyse der erfolglosen Recherchen im OPAC könnten jene Titeln identifiziert werden, die sich, aus welchen Gründen auch immer, derzeit nicht im Bestand der Bibliothek befinden, die aber unverzüglich angekauft werden sollten. Aus technischen Gründen ist eine derartige Analyse zur Zeit nur mit einem enormen, nicht zu vertretenden Aufwand leistbar.
Abgesehen vom Bestandsnachweis in unserem Gesamtkatalog und diversen Standortkatalogen haben wir auch Teilkataloge aufgebaut, mit denen wir bestimmte Benutzergruppen gezielt servicieren. So bieten wir derzeit Teilkataloge für das Medizin-Curriculum, für Dissertationen & Diplomarbeiten, für Pflegeliteratur oder für elektronische Ressourcen an. Gerne hat sich unsere Bibliothek auch beim Aufbau eines Fachportals für Augenheilkunde sowie für eine Thoraxchirurgische Literaturdatenbank eingebracht und wir unterstützen diese mit einem SDI-Dienst auch weiterhin.
Eine noch intensivere Kooperation mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei der Akquisition von Content erhoffen wir uns durch die Inbetriebnahme unseres institutionellen Repositoriums.
Mark Buzinkay: Und noch eine letzte Frage: wie wird die Lehre an der MedUniWien durch die UB der MedUniWien unterstützt - außerhalb der üblichen Services wie Bereitstellung von Fachliteratur und Lesesaal?
Bruno Bauer: Bezüglich des Studentenlesesaals möchte ich an dieser Stelle schon noch einen Satz hinzufügen, weil unser Angebot – für österreichische Verhältnisse – über das übliche Service hinausgeht. Wir finanzieren für unsern Studentenlesesaal einen externen Wachdienst, sodass er auch an Samstagen sowie an Sonn- und Feiertagen, täglich von 9.00 bis 24.00 Uhr, geöffnet ist; dieses Angebot erfreut sich – nicht nur bei den Studierenden der Medizin – höchster Akzeptanz.
Nun aber zu Ihrer eigentlichen Frage:
Bereits seit 2002 sind Schulungs- und Einführungsveranstaltungen der Bibliothek verpflichtend in das neue Medizin Curriculum Wien (MCW) integriert. Zu Beginn des Medizinstudiums, bereits im ersten Semester, stellt die UB in einer Lehrveranstaltung für alle Studienanfänger ihre Ressourcen und Services vor. Im dritten Semester werden 720 Studierende in 48 Kleingruppen zu je 15 Personen im Rahmen der Lehrveranstaltung „Einführung in die Benützung der Universitätsbibliothek“ durch die traditionelle Bibliothek geführt und mit den elektronischen Angeboten der UB vertraut gemacht.
Seit dem Vorjahr wird von der Bibliothek, speziell für die Anforderungen des neuen Curriculums, mit AccessMedicine eine Datenbank lizenziert, die ca. 40 wichtige englischsprachige Standardwerke beinhaltet und unter anderem Fallstudien sowie über 3.000 Fragen und Antworten für das Selbststudium enthält.
Mittlerweile kommen die ersten Studierenden in die Phase der Diplomarbeit, weshalb wir ab dem Sommersemester 2007an jeweils einem Samstag pro Monat eine „Bibliothekssprechstunde“ anbieten, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Informationsvermittlungsstelle Hilfestellung bei der optimalen Literatursuche für die konkreten Diplomarbeitsthemen anbieten. Unabhängig davon, ob dieses neue Angebot gut genutzt wird, freue ich mich in diesem Zusammenhang, wie auch bei anderen Projekten der jüngsten Zeit, besonders darüber, dass es von der Idee über die Konzeption bis zum konkreten Angebot auf eigene Initiative innerhalb des für die Schulungen zuständigen Teams entstanden ist. Gemeinsam mit meiner Stellvertreterin bemühe ich mich um ein innovationsfreudiges Klima an unserer Bibliothek, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich gerne der Herausforderung stellen, aktuelle Trends zu beobachten, an innovativen Projekten zu arbeiten und das Bibliotheks- und Informationsangebot für unsere Kundinnen und Kunden weiter zu entwickeln.
Abgesehen von den Studierenden der MedUniWien könnten wir mittlerweile feststellen, dass die UB der MedUniWien als größte Medizinbibliothek in Österreich auch viele Studierende von den Fachhochschulen der medizinisch-technischen Assistenzberufe und der Hebammen zu ihren Kundinnen und Kunden zählt, die nunmehr im Rahmen neuer Curricula ebenfalls schriftliche Abschlussarbeiten verfassen und denen ebenfalls Informationskompetenz für eine effiziente Nutzung der von der Bibliothek angebotenen Informationsressourcen zu vermitteln sind.
Für die nächsten Jahre planen wir, unsere gesamten Schulungs- und Führungsaktivitäten in ein Gesamtkonzept Teaching Library einzubringen. Neben Human- und Zahnmediziner treten nun verstärkt Kundinnen und Kunden neuer Lehrgänge, wie Health Care Management, Medizinische Informatik oder Pflegewissenschaften, sodass wir ein modulares Schulungssystem entwickeln werden.
Im Zusammenhang mit dem neuen Schwerpunkt Teaching Library sehr wichtig ist mir auch die kontinuierliche Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Bibliothek. Um den ständig neuen Herausforderungen im Bereich der Literatur- und Informationsvermittlung gewachsen zu sein, reicht es nicht, eine einmalige, wenn auch mittlerweile in Österreich sehr professionell aufgezogene Ausbildung zu genießen. Vielmehr gilt es, das Schlagwort des lebenslangen Lernens in die Realität umzusetzen, wobei dieses nicht nur ein Anliegen besonders engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein sollte, sondern auch von den Bibliotheken nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden sollte. Hilfreich wäre die Entwicklung von Fortbildungsstandards bzw. Zertifizierungen, wie sie in anderen Berufsgruppen, etwa für Ärztinnen und Ärzte, schon seit langem etabliert sind.
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